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Ich zahle ja wohl wirklich genug


In meinem Job und bei einem meiner Hobbys höre ich das oft genug. Gebraucht wird der Satz von Leuten, denen es gut geht. Die immer etwas erwarten zurück zu bekommen.

Ich bin in meinem Beruf oft mit Menschen zusammen, die Spitzensteuersätze zahlen – und sich darüber ärgern. Die den Spitzensatz in der Krankenkasse zahlen. Und die dann auch noch Kirchensteuer bezahlen.

Und je jünger sie sind, desto häufiger kommt der Satz: „Ich zahle ja wohl wirklich genug, da kann ich erwarten, dass...“

Und wenn ich es mir überlege, dann ging es mir ja auch manchmal so. Ich beschwerte mich bei meiner gesetzlichen Krankenkasse, und benutzte selbst die Worte: „Na, ich zahle ja den Höchstsatz, da kann ich doch erwarten, dass...“ Ohne rot zu werden.

Und heute, einige Tage nach einer Diskussion am Tisch von Freunden, hat wieder mal der Geist gesiegt.

Oft passiert mir das beim Joggen. Ich gehe oft und ziemlich weit laufen, und wenn ich nicht an meine Grenzen gehe, sondern eher lahm durch die Gegend zottele, macht sich mein Kopf urplötzlich frei. Gedanken kommen und gehen. Nicht steuerbar. Ich kann in diesen ein, zwei Stunden nur am Anfang die Richtung beeinflussen, irgendwann beschäftige ich mich dann mit nicht aufgearbeiteten Problemen. Da kommt es schon einmal vor, dass ich beim PDS-Wähler anrufe und mich entschuldige, weil ich in einem dummen Scherz ihm vorwarf, mit seiner neuen Sicht der Dinge nun CDU-Wähler zu sein.

Ein schneller Scherz, einfach dahin gesagt, ohne es zu bedenken. Und wieder vergessen. Tage später, beim Laufen wird mir klar, das tat weh, das war unfair.

Und ich steige von meinem Ross herunter, nehme das Telefon und entschuldige mich. Weil mein Kopf, die Gedanken neu sortiert hat.

Manchmal gelingt das. Nicht regelmäßig. Nicht zeitnah. Manchmal nur Stunden, gelegentlich Jahre.

Den Mut aufzustehen und dann zu sagen, was gesagt werden muss, oder tun, was getan werden muss, der findet sich dann leicht.

Wenn der Gedanke da ist, geht alles. Doch genauso ist das mit den undurchdachten Worten, wie „Ich zahle doch genug...“

In meinem Amt als Kirchenvorsteher sehe ich jeden Monat die Menschen, die aus der Kirche austreten. Nur wenige tun es, weil sie nicht glauben. Die meisten, weil sie wissen, die Kirche ist für sie da, wenn Not ist, wenn Kinder getauft werden sollen, wenn geheiratet wird. Die Seelsorger und Sozialarbeiter helfen auch dem Atheisten, dem Andersgläubigen. Warum dann dafür Geld bezahlen? Wenn es ginge, würden sie auch aus der Krankenkasse austreten, manche wechseln unüberlegt in private Kassen, ohne das gesparte Geld für die Jahre vorzuhalten, wenn die private Krankenkasse teuer wird. Kein Gedanke an Morgen. Und noch mehr würden so schnell es irgend geht die Rentenkasse verlassen, und noch viel mehr die Einkommensteuer nicht zahlen.

Ältere Menschen, und solche, die nicht nur die Sonnenseite des Lebens kennen, denken da anders. Ganz anders.

Beim Bier sagte mir mein Freund, Pfarrer und Dekan, dass er zuletzt einen Krankenhauspfarrer in den verdienten Ruhestand verabschiedet hat. Ein netter Kerl.

Im Rahmen massiver Einsparmaßnahmen soll der Dekan jetzt entscheiden, ob es notwendig ist, dass wieder ein Pfarrer Dienst in diesem Krankenhaus tut oder ob es nicht besser sei, einer Gemeinde mit jungen Familien eine neue, treibende Kraft zu geben.

Im Krankenhaus sieht es trostlos aus. Die Kranken kommen und gehen. Man sucht das Gespräch mit dem Seelsorger. Ganz besonders wenn man sehr krank ist. Und noch öfters, wenn es wenig Hoffnung gibt. Da ist kein Unterschied zwischen Alt und Jung, katholisch, evangelisch oder muslimisch. Da sind wir alle gleich. Suchen Hilfe und ein gutes Wort. Schämen uns plötzlich nicht unserer Tränen, Ängste und Nöte. Sind schwach. Dann ist es wichtig jemanden zu haben, wie diesen Krankenhauspfarrer, der zuhört, und einem das Gefühl von Geborgenheit gibt. Der Zeit hat und Mut macht. Der einfach mal nur eine kraftlose Hand hält. Der gelernt hat, damit umzugehen und auch nicht unter der Last zusammenbricht und verzweifelt über das viele Elend.

Geht es dann besser, gibt es vielleicht noch ein Wort des Abschieds. Ein Wiedersehen gibt es selten, höchstens bei der nächsten Behandlung. Zu schnell vergraben wir solche Erfahrungen.

Ein Gemeindepfarrer, der sich ständig um seine zwei-, dreitausend Mitglieder kümmert, hat da ganz andere, dauerhafte Erfahrung, kann langfristige Plänen machen, Jugendliche heranführen, Menschen über Generationen begleiten.  Hält die Menschen in der Kirche. Tut etwas für die Gläubigen. Wird gesehen und beachtet. Ist angesehen. 

Wer von beiden ist wichtiger? Wir können uns nunmehr nur noch einen leisten. Wenn es nach modernen wirtschaftlichen Regeln geht. Einer verliert. Und damit viele, die ihn gebraucht hätten. Außer wir sind bereit mehr zu zahlen. Bereit, freiwillig mehr für die Allgemeinheit zu tun.
Bereit zu geben.

Doch wir sind es nicht mehr. Alles soll seinen Wert haben. Am besten noch einen Mehrwert.

Die aus fester Überzeugung keinen Glauben haben, muss dann aber wenigstens z.B. die Gesundheit wichtig sein.

‚Ich zahle ja genug ein.‘

Doch was passiert, wenn sogar das nicht ausreicht, um die Behandlung zu zahlen, wenn die lebenserhaltenden Maßnahmen so teuer werden, dass man ein ganzes Leben dafür arbeiten müsste. Wenn Medikamente teurer sind, als der gesamte Monatslohn oder Jahreslohn.

Die konsequente Weiterführung des Geiz-ist-Geil-Prinzips, würde dann vorsehen, dass der Arzt die Entscheidung trifft, ob das lohnt oder nicht. Na, so etwas hatte wir ja schon einmal.

Unwertes Leben.

Wie die Frau, deren Atmung aussetzte, die an die Lungenmaschine kommt. Nach Tagen der Hoffnung klar ist, dass sie durch Sauerstoffunterversorgung bleibende Schäden haben wird. Schon jetzt ist abzusehen, dass sie nie wieder wird vollständig arbeiten können. Man wird ihr die absterbenden Fingerkuppen und Füße amputieren müssen. Kann sein, dass sogar Hirnschäden dazukommen. Wenn sie es denn überhaupt schafft. Die Chancen sind gering. Hinterher berichtet sie, die Schwestern reden gehört zu haben. Träume hatte sie. Aber nicht die Möglichkeit, Kontakt aufzunehmen. Im Kopf ganz klar. Von außen, wie tot. Sie sitzt da, eine junge Frau, ohne Füße und mit verkürzten Fingern, schreibt etwas auf ein Stück Papier, lächelt, ist froh noch am leben zu sein und ihre Geschichte erzählen zu können. Jeder Mediziner kennt solche Fälle und weiß um die Entscheidung. Vor einigen Jahren, wäre diese Frau schon kurz nach der Einlieferung tot gewesen. Man hatte weder die Technik, noch die Maschinen, sie am Leben zu erhalten.

Ein Segen für die, die nur mit schwersten Schädigungen überlebten? Wer will das entscheiden? Und viel schlimmer, wer will das wissen. Vielleicht sind einige klare Momente besser als gar keine. Einfach Schluß machen. Einschläfern, wie den kranken Hund. Ihn von seinen Leiden erlösen. Ein Segen für all die, die sich jetzt solidarisch die Kosten teilen müssen. Wie einfach wäre es. Nur wer genug Geld hat oder schon einzahlte, wird bis zum Äußersten behandelt.

Doch was, wenn auch die gesamten Lebensersparnisse nicht reichen? Sie mitten in der Behandlung ausgehen. Kurz vor der Besserung, der entscheidenden Operation. Wenn es einen selber trifft? Wer will freiwillig sagen: Versucht es nicht, es ist zu teuer. Wer will es nicht wagen? Welcher Angehörige ist nicht bereit für den Freund, die Schwester, die Mutter, das Kind alles zu geben?

Alles! Auch die eigene Niere.

Auch ich bin kein Heiliger und es bedurfte einer sehr jungen Arbeitskollegin, damit ich mich endlich überwand und zur DKMS ging. Ein bisschen Blut abgenommen und getestet. Und dann gebangt und gehofft, irgendjemanden durch eine Knochenmarkspende helfen zu können. Keinen Cent kostet mich das. Nur Überwindung. Und dann kam eines Tages der Brief. ‚Sie passen zu einem Kranken, wir werden einen weiteren Test machen.‘

Angst kam plötzlich auf. Angst vor der eigenen Courage. Und doch, wenn es auch nur einem Einzigen hilft. Wenn ich selber die Spende bräuchte, aber mein Gegenpart sich hat einfach noch nicht testen lassen. Was dann?

Ich passte nicht.

Enttäuschung machte sich breit. Aber auch ein wenig Hoffnung. Vielleicht beim nächsten Mal. Was, wenn alle die Solidargemeinschaft verließen, wenn sich keiner mehr um den anderen kümmert. Was, wenn jemand die Entscheidung zu tragen hat: Lohnt sich, lohnt sich nicht. Diese Kosten kann man der Gemeinschaft aufbürden, diese nicht. Wirtschaft kann vielleicht so denken. Das Leben jedoch ist kommunistisch. Die Musketiere gäbe es nicht, wenn es nicht so wäre, dabei ist ihr Wahlspruch so alt, wie die erste Gruppe von Menschen, die irgendwo auf einem Baum zueinander fanden:

Einer für alle, alle für Einen.

Die, die schon selbst Leid gesehen haben, die selber in solchen Situationen waren, die selber Hilfe brauchten und spendeten, wissen, dass es wichtig ist, dass es auch jemanden gibt, der mehr zahlt. Freiwillig und ohne Rückgaberecht. Müssten nicht alle, denen es gut geht, so gut, dass sie beten könnten:

...unser täglich Spielzeug gib uns heute....

Wir, die uns über so triviale Dinge, wie Psions, Handys, MP3-Player Gedanken machen können, müssten also nicht wir hier freiwillig mehr geben. Ohne ständig zu hinterfragen: ‚Ist da auch kein großer Wasserkopf dahinter‘, oder ‚Wer weiß, ob mein Geld auch bei den Richtigen ankommt‘ Sollten wir, wenn wir denn schon nicht bereit sind, oder in der Lage, Geld zu geben, wenigstens Leistung erbringen? Blut spenden, sich zur Knochenmarkspende bei der DKMS testen lassen, im Heimatort dem Rot-Kreuz helfen, der Kirchengemeinde, dem Krankenhaus, den Sozialen Diensten, einige Stunden im Jahr helfen? Statt sich freizukaufen und dann Forderungen zu stellen.

Und wenn ich dazu nicht bereit bin, weil mir anderes wichtiger ist, dann wenigstens bereit sein, seinen Beitrag in Form von Geld zu bringen. Völlig unabhängig, wie viel das ist? Es fragt dann sicher auch keiner, wenn man selbst Betroffener ist, ob es sich auch lohnt und ob der da auch schon genug einbezahlt hat.

Jürgen Rode
p|s|i|o|n|w|e|l|t

Link zum Thema: www.dkms.de
Habt den Mut dazu :-)